Militärhistorisches Museum der BundeswehrLandesamt für Archäologie - SachsenArchäologisches Landesmuseum Brandenburg im Paulikloster
1636 - Trailer

Hinter den Kulissen

An dieser Stelle können Sie unsere Arbeit mit aktuellen Beiträgen verfolgen: Berichte, Videos und Bilder vom Projekt und vom Werden der Ausstellung.

Museum mal anders – Runde 1 der
Sommerworkshops für Kids

Es wurde gegraben...

Obwohl der Sommer an den Tagen vom 10. bis zum 13. Juli 2012 genauso unberechenbar war, wie auch schon in den vielen Wochen zuvor, haben sich unsere Ferienkinder die gute Laune nicht verderben lassen.

...gebastelt...

...gebastelt...

In unserer ersten Woche unter dem Motto »Museum mal anders – Sommerworkshops für Kids« wurde gegraben, gezeichnet, geraten, gebastelt, gespielt und gelacht was das Zeug hält.

...und gespielt!

Viele unserer Ferienkinder nahmen an allen vier Tagen teil, und so kam nach einer Weile fast eine Ferienlagerstimmung unter den großen und kleinen Teilnehmern auf.

Das »1636-Team« dankt für den Spaß und die tollen Kinder.

Söldner »Otto« stand Pate für den Hort des DRK-Kinderdorfes
Am 28. Juni 2012 besuchten uns die Hort-Kinder des DRK-Kinderdorfes aus Brandenburg an der Havel und begaben sich in unserem Archäologie-Workshop auf die Spuren des jungen Indiana Jones.

Grübeln über dem Zeichenbrett - sind jetzt alle Funde drauf?

Doch dass der Beruf des Archäologen nicht immer nur Abenteuer bedeutet, sondern auch ein gutes Auge, Geduld und Präzision erfordert, lernten die Kinder schnell. Begeistert dokumentierten sie ihre Befunde mit Fotoapparat und Zeichenbrett, füllten Fundzettel aus und deuteten das Gesehene.

Die kleinen Archäologen waren bislang unsere jüngsten Workshop-Teilnehmer und standen in Konzentration und Ausdauer den Großen in nichts nach. Wir danken für diesen schönen Vormittag!

Unser ganz besonderer Dank gilt jedoch Liebgard Schiemann (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg). Denn erst ihre großzügige Spende in Form der Übernahme einer Namenspatenschaft für einen unserer hölzernen, roten Soldaten-Silhouetten machte den Besuch des Kinderhortes möglich.

Zum Marsch getrommelt - der Schauspieler Steffen Findeisen © BLDAM Foto: D. Sommer

»Mit Pauken und Trompeten«
Nicht ganz »mit Pauken und Trompeten«, aber mit Trommel und Horn startete am 13. Juni 2012 unser Schauspiel-Workshop »Die Werbetrommel rühren«.

Schüler der 6. Klasse aus dem schönen Lauta durften sich spielerisch in die Rolle eines Söldners des Dreißigjährigen Krieges einfühlen und wurden – ausgestattet mit Kostümen – unter Anleitung des Schauspielers Steffen Findeisen auf den großen Marsch geschickt.

Unsere Workshops – nicht nur für Kinder interessant
von Anne-Kathrin Müller

Am vergangenen Freitag (8. Juni 2012) waren im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg zwei Klassen der Schule des Zweiten Bildungsweges »Heinrich-von-Kleist« aus Potsdam zu Besuch.

Grübeln vor den Knochen - liegt Alles richtig?

Grübeln vor den Knochen - liegt Alles richtig? ©BLDAM

Die etwa 40 jungen Erwachsenen waren angereist um an den Workshops zum Thema Archäologie und Anthropologie teilzunehmen.

Da die jungen Männer und Frauen natürlich mit ganz anderen Vorraussetzungen in das Museum kamen, als die Schulklassen, die wir bislang in unseren Workshops begrüßen durften, wurden die Workshopinhalte an die reichere Lebenserfahrung und die Interessen der Teilnehmer angepasst.

Mit Eifer, Wissensdurst und viel Sachverstand betrachteten sie also die archäologischen Befunde oder setzten sich mit der Altersbestimmung eines Skeletts auseinander. Im Vordergrund standen aber auch immer wieder Fragen zum Berufsbild der beiden Wissenschaften.

Genau wissen wir es natürlich nicht, aber wir sind ganz zuversichtlich, dass wir den Einen oder Anderen für ein Studium der Archäologie oder Anthropologie begeistern konnten… und das würde uns natürlich sehr freuen!

Kleine Archäologen ganz groß!
von Anne-Kathrin Müller

Am 11. Mai 2012 fand nun auch zum ersten Mal der Archäologie-Workshop für die ganz kleinen Wissenschaftler statt. So gruben, pinselten und zeichneten sich die Schüler der 3. und 4. Klasse der Wir-Grundschule Brandenburg unter Anleitung der Workshop-Leiter durch die präparierte Grabungsfläche auf dem Gelände des Pauliklosters.

Als Dank für den schönen Tag und die tatkräftige Unterstützung wurde das Team des Landesmuseums mit einem selbstgemaltem Bild der Schüler überrascht.

Ein reizendes Dankeschön der Wir-Grundschule Brandenburg

ABER AUCH WIR HABEN HERZLICH ZU DANKEN!

Mail der Klassenlehrerin an das Workshop-Team:
»Wir waren am Freitag mit unseren Kindern in der Sonderausstellung mit anschließendem Workshop. Wir möchten uns auf diesem Wege herzlich bedanken. Den Kindern hat es sehr gut gefallen und waren begeistert. Auch wir Lehrer möchten uns besonders bei Ihren Kollegen, die den Workshop durchgeführt haben, herzlich bedanken. Mit sehr viel Geduld und Ruhe waren sie nah dran an den Kindern, beantworteten geduldig viele, viele Fragen und erwiesen ein ‘gutes Händchen’ auch für (manchmal ungeduldige und anstrengende) Grundschulkinder. Vielen herzlichen Dank für einen tollen Geschichts-Tag!
freundliche Grüße
Beatrix Grothe / WIR-Grundschule«

Premiere am 19. April 2012 — Die Workshops Archäologie
und Anthropologie

von Fatima Wollgast und Anne-Kathrin Müller

Ab 10 Uhr erfüllt lautes Lachen die Räume des Pauliklosters: Zwei Klassen der Geschwister-Scholl-Oberschule aus dem weit entfernten Ruhland haben heut Ihren Weg ins Museum gefunden. Die aufgeregten Schüler aus der Lausitz erwartet die Teilnahme am Workshop Anthropologie und am Workshop Archäologie – und das ist natürlich etwas anderes als gewöhnlicher Unterricht im Klassenraum!

Workshop Archäologie
Im Hof des Klosters warten drei Grabungsflächen auf die jungen Archäologen, die zur Einstimmung auf die Zeit des 17. Jahrhunderts eine Führung durch die Sonderausstellung »1636 – ihre letzte Schlacht« erhalten haben.

Schüler graben eifrig nach den verborgenen Fundstücken ©BLDAM

Nach einer Einführung in die goldenen Regeln der archäologischen Feldarbeit geht es endlich an die frische Luft. Die präparierten Grabungsflächen enthalten insgesamt sieben Befunde, die verschiedene Lebensbereiche des Dreißigjährigen Krieges darstellen. So können zum Beispiel ein nachempfundenes Söldnergrab, eine Feuerstelle, oder eine Abfallgrube entdeckt werden …doch all dies sollen die angehenden Ausgräber natürlich selbst herausfinden.

"Ist das vielleicht ein Schwert?" ©BLDAM

Ausgerüstet mit Grabungsequipment und unter sachkundiger Anleitung beginnt die sandige Arbeit. Die zahlreichen Funde werden mit Kratze, Spatel und Pinsel freigelegt und der Sand sogar aufwendig gesiebt. Nicht selten hört man erstaunte Ausrufe, wie: »Ich glaube, das ist ein Schwert!« »Pass auf, da war eine goldene Schnalle!« oder »Was ist denn das? Hat das was mit Pferden zu tun?« Jeder freigelegte Fund wird ordnungsgemäß fotografiert und vermessen. Sorgfältig beschriftet und in Tüten verpackt, werden alle Objekte für eine spätere Auswertung gesammelt.

Die Befunddokumentation - täuschend echt ©BLDAM

Im zweiten Teil des Workshops werden aus Ausgräbern nun Wissenschaftler. Die Grabungsteams fertigen Zeichnungen ihrer Fundstücke an, erhalten Fotos ihrer freigelegten Artefakte und recherchieren deren ursprüngliche Verwendung. Gemeinsam halten die Schüler ihre Erkenntnisse anschließend in einem Grabungsbericht fest. Am Ende des Workshops hat jede Gruppe schließlich eine eigene Grabungsdokumentation, die mitgenommen und gern in der Klasse besprochen werden darf. Zufrieden, leicht sandig und erschöpft geht dieser erste Workshoptag für Schüler, Lehrer und Workshop-Betreuer zu Ende.

Workshop Anthropologie

Was sind wohl die Unterschiede zwischen Männern und Frauen? ©BLDAM, Foto: A.K. Müller

Im Mittelpunkt der Sonderausstellung »1636 – ihre letzte Schlacht« steht der Fund eines Grabes mit 125 Soldaten, die in der Schlacht von Wittstock ihr Leben ließen. Die zahlreichen Erkenntnisse zu ihrem Leben und die detaillierte Rekonstruktion ihrer Schicksale sind aber nicht allein Verdienst der Archäologie, sondern auch Resultat anthropologischer Untersuchungen.

Die Anthropologie – also die Lehre vom Menschen – versucht den menschlichen Überresten, also dem Knochenskelett, alle Informationen zu entlocken, die uns Hinweise zum Leben dieses Menschen geben: Welches Geschlecht hatte der Verstorbene? In welchem Alter kam er zu Tode? Wie verlief sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt – war er arm, war er reich, war er gut oder schlecht ernährt oder litt er vielleicht an Krankheiten? Fragen wie diese können mit den Mitteln der Anthropologie beantwortet werden.

In gemeinsamer Diskussion werden die Rätsel gelöst ©BLDAM, Foto: A.K. Müller

Und wie der Anthropologe all diesen Fragen auf die Schliche kommt – das wollte auch die Biologie-Klasse der Geschwister-Scholl-Oberschule Ruhland ganz genau wissen. Unter fachlicher Anleitung von Dr. Bettina Jungklaus, der für die Auswertung der Wittstocker Knochen verantwortlichen Anthropologin, ließen sie sich in die Geheimnisse der “Lehre des Menschen“ einweisen.

Aufgeteilt in zwei Gruppen ging es zunächst an die Rekonstruktion von Schul-Skeletten, die wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden sollten. Nachdem diese Aufgabe bravourös gemeistert wurde, kamen die kniffligen Fragen auf den Prüfstand: War das Skelett ein Mann oder eine Frau und was sagen uns die Knochen zum Alter des Verstorbenen? Es wurde gemessen, gegrübelt, diskutiert und erörtert – solang bis die Gruppen erfolgreich alle Hinweise zur Identität ihrer Knochen gesammelt hatten.

Wenn auch Sie gern Ihren Schülern oder Familien rare Einblicke in die Wissenschaft der Archäologie und der Anthropologie gewähren wollen, laden wir Sie herzlich zum Besuch unserer Workshops ein.

Lehrerkommentar im Gästebuch zu den Workshops:
»Vielen Dank für den interessanten Tag. Die Betreuung durch die Mitarbeiter war hervorragend. Wir empfehlen die Inhalte auf jeden Fall weiter.« (OS Ruhland Fr. Kaiser/Fr. Büttner, 19. April 2012)

Es ist vollbracht – Die Eröffnung am 30. März 2012
von Fatima Wollgast und Anne-Kathrin Müller

Am 30. März 2012 fand nun nach langen Jahren der Vorbereitung die feierliche Eröffnung der Sonderausstellung »1636 – ihre letzte Schlacht« statt.

Das Kirchenschiff im Paulikloster als Veranstaltungsraum mit besonderer Atmosphäre ©BLDAM, Foto: D. Sommer

Das freudige Ereignis wurde gebührend im eindrucksvollen Kirchenschiff des Brandenburger Pauliklosters begangen. Hier lauschten etwa 300 geladene Gäste – unter ihnen auch der Botschafters des Königreichs Schweden, Staffan Carlsson und die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst den Reden und Grußworten der Ausstellungsmacher. Und Alle waren sie dabei: vom Landesarchäologen und Direktor des Archäologischen Landesmuseums Brandenburg, Prof. Dr. Franz Schopper sowie Dr. Dietlind Tiemann, Oberbürgermeisterin der Stadt Brandenburg an der Havel, bis hin zum gesamten Team der Wissenschaftler, Ausstellungsgestalter, Ausstellungsbauer,- grafiker und all den anderen Beteiligten, denen es zu verdanken ist, dass sich die Sonderausstellung von der bloßen Idee zur realen Schau entwickeln konnte.

Das Brandenburger event-theater lässt die Söldner von einst wieder auferstehen ©BLDAM, Foto: D. Sommer

Das feierliche Zeremoniell wurde durch die beeindruckende Darbietung des Brandenburger Event-Theaters abgerundet. Dieses ließ zwei der Söldner, die in den Schlachten des Dreißigjährigen Krieges gekämpft und gelitten hatten, wieder auferstehen und von Schauspieler Hank Teufer, in der Rolle des gelehrten Professors, zu ihren Lebensschicksalen befragen. Für die musikalische Umrahmung der Feier sorgte die Berliner Lautten Compagney mit zeitgenössischen Musikstücken vor atemberaubender Kulisse.

Für das leibliche Wohl der Gäste wurde anschließend durch ein Buffet gesorgt, dass ganz nebenbei auch zu Plauderei und Austausch einlud.

Erste Besucher bestaunen die Exponate der Sonderausstellung ©BLDAM, Foto: D. Sommer

Das Aufregendste für das gesamte Team der Sonderausstellung war es jedoch, zu erleben, wie erstmals Besucher die Ausstellungsräume durchstreiften, um sich mit dem Leben und Leiden während des Dreißigjährigen Krieges vertraut zumachen.

Als Lohn für ihre Arbeit erhielt das Ausstellungsteam von allen Seiten Lob und Glückwünsche. Die interessierten Gesichter der ersten Gäste aber waren der schönste Dank.

Die künstlerische Grabinstallation in den Kellerräumen
von Fatima Wollgast

Nachdem sich der Besucher in der Sonderausstellung über das Leben und Leiden während des Dreißigjährigen Krieges informieren konnte, erwartet ihn im Keller des Ausstellungsraumes eine ganz besondere Überraschung: Hier präsentiert der Brandenburger Künstler Thomas Bartel, bestens vertraut mit der kreativen Umsetzung archäologischer Themen, seine Installation zum Wittstocker Massengrab.

Grabinszenierung des Künstlers Thomas Bartel ©BLDAM, Foto: D. Sommer

Während das Konzept der Sonderausstellung vorsieht, die vielfältigen wissenschaftlichen Methoden zur Untersuchung des Grabfundes und seines historischen Kontextes möglichst objektiv zu beleuchten, wurde im Kellergewölbe bewusst eine andere Form der Präsentation gewählt. Das Kunstwerk soll die Emotionen ansprechen!

Beim Eintritt in den Raum umhüllt den Besucher Dunkelheit während eine Geräuschkulisse aus Stimmengewirr, dem Getrappel von Pferdehufen und vereinzelten Schüssen erklingt. Zur rechten Seite zeigt sich Thomas Bartels freie Interpretation des Grabbefundes: ein Wirrwarr aus übereinandergeschichteten Kunstskeletten, die sich leuchtend vom Dunkel des Raumes abheben.

Insgesamt 88 Skelette hat Thomas Bartel in mühevoller Arbeit aus Epoxitharz hergestellt und in die exakte Schichtlage des Massengrabes gebracht. Mit einer roten Lampe kann die Position von Individuum 71, dem getöteten schottischen Söldner, dessen Gesicht für die Sonderausstellung rekonstruiert wurde, farblich herausgehoben werden. Imposant und unbehaglich zugleich mögen die meisten Besucher den Anblick dieser Installation empfinden.

Mit dem Wissen über das grausame Ende der Soldaten aus dem Massengrab bei Wittstock, mögen sich vielleicht bei so manchem Besucher beim Anblick dieses Kunstwerks Gedanken zum Sinn des Lebens und den Unsinn des Krieges in den Kopf schleichen.

Auge in Auge mit der Vergangenheit – Gesichtsrekonstruktion
eines Soldaten aus Wittstock

von Dr. Sabine Eickhoff und Fatima Wollgast

Die Knochen der Verstorbenen im Wittstocker Massengrab sprechen eine deutliche und oftmals grausame Sprache: Viele der Soldaten litten zu Lebzeiten unter chronischen Erkrankungen und den physischen Dauerbelastungen, die sich ebenso wie die Kampfverletzungen noch heute an den Knochen ablesen lassen.

Das Skelett eines jungen Soldaten stach aus verschiedenen Gründen aus dem Fundmaterial heraus: Mit über 1,80 m Körpergröße überragte er die anderen im Grab bestatteten Männer. Obwohl erst 21-24 Jahre alt, plagten ihn zahlreiche chronische Erkrankungen und Gelenkschäden. Geschwächt zog er in die Schlacht von Wittstock, wo er unter grausamen Umständen fiel. Gleich vier massive Verletzungen streckten den Mann an jenem 4. Oktober 1636 nieder und beendeten sein junges Leben.Den Namen dieses Soldaten kennen wir nicht; als Individuum 71 wird er in den Grabungsakten geführt. Isotopenanalysen haben uns jedoch verraten, dass er aus Schottland kam, um auf dem europäischen Festland zu kämpfen.

Aus Wachs und Gips werden die Gesichtsproportionen geformt @BLDAM, Foto D. Sommer

Das Ausstellungsteam entschied sich, stellvertretend für alle anonymen Opfer der verheerenden Schlacht bei Wittstock, diesem Gefallenen sein Gesicht zurück zu geben. Hilja Hoevenberg vom Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin in Potsdam, ermittelte ausgehend von den Schädelmaßen die ursprüngliche Form und die Proportionen des Gesichtes und fertigte ein Wachsmodell des Kopfes an. In ihrem Berufsalltag wendet Frau Hoevenberg diese Methoden bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit an, um unbekannte Leichen zu identifizieren.

Mit Silikon werden Muskeln und Haut sorgfältig modelliert. @BLDAM, Foto D. Sommer

Die anschließende Modellage der Weichteile und der Haut aus Silikon lag in den Händen der Maskenbildnerin Christiane Rüdebusch. In aufwändiger und liebevoller Kleinarbeit gestaltete sie auch die Haar- und Barttracht des Mannes, gab seinem Gesicht und den Augen Farbe und versetzte seine Kleidung in einen getragenen Zustand.

In der Ausstellung tritt der Besucher der fertigen Rekonstruktion recht unverhofft gegenüber. Der Anblick des blassen, jungen Mannes mit dem traurigen Blick vermittelt den Eindruck, als erahne er bereits sein kommendes Schicksal.

So mag er ausgesehen haben. Fertige Gesichtsrekonstruktion in der Sonderausstellung. @BLDAM, Foto D. Sommer

Impressionen vom Ausstellungsaufbau
Nur noch wenige Tage, eher nur noch wenige Stunden liegen vor dem Team, welches die Ausstellung aufbaut. Und nur wenig Zeit, Fotos vom Aufbau zu schießen und sie hier hineinzustellen.

Bald fertig: der Bereich zum Leben im Lager (Foto A. Grothe)

Schatzfundspezialist bei der Arbeit
von Anja Grothe

Einen Schatz zu finden, ist der Traum vieler Menschen oder Inhalt von Filmen aus Hollywood. Die Schatzfunde der letzten Jahrzehnte aus Brandenburg wurden oftmals bei Bauarbeiten in den historischen Stadtkernen entdeckt. Dieses passierte 2009 auch in Beeskow, als bei einer archäologischen Untersuchung ein solcher geborgen wurde. Er bestand fast vollständig aus Gegenständen aus Silber und gehört somit zu den etwa 80 Schatzfunden dieser Art, die aus der Zeit zwischen 1500 und 1650 europaweit bekannt sind.
Bereits vor der Restaurierung ließ sich erahnen, welche besonderen Stücke enthalten waren, nach der Restaurierung erstrahlten sie erst recht wieder, ohne dass bei der umsichtigen Säuberung Spuren der Herstellung oder der Abnutzung durch jahrelanges Tragen beseitigt worden waren.

S. Krabath

Stefan Krabath bei der Arbeit (Foto: S. Eickhoff, BLDAM)

Dr. Stefan Krabath vom Sächsischen Landesamt für Archäologie musste nicht lange überredet werden, sich die Beeskower Funde genauer anzuschauen, ist er doch einer der besten Kenner mittelalterlicher und neuzeitlicher Schatzfunde in Mitteleuropa. Er vermaß die Stücke, nahm auch ihre Herstellungsweise genau unter die Lupe und ordnete die Stücke ihrer Funktion zu. Natürlich konnte er schnell aus seinem umfangreichen Wissen aus Literatur und eigener Anschauung Vergleichsstücke benennen und so den Schatz in seinen kulturhistorischen Zusammenhang einordnen.

So konnte er herausfinden, dass viele Stücke aus dem Beeskower Fund niemals getragen worden waren, sie sozusagen produktionsfrisch waren, wie sich an den silbernen Doppelschnallen zeigte. Diese gehörten zu einem Harnisch und sollten Bauchreifen und Beintaschen verbinden, ebenso zu einer Ausstattung eines Kriegers gehörten zwei Haken des Schwertgehänges und je ein Haken und eine Öse in Löwenform vom Verschluss eines Umhangs, ganz ähnlich, wie sie auf dem Wittstocker Schlachtfeld gefunden wurden.

Besteckkköcher

Besteckköcher aus dem Schatz (Foto: S. Eickhoff, BLDAM)

Aber auch Bestandteile der Frauentracht in Form einer mit Puttenköpfen sowie floralen Elementen verzierten Silbergarnitur aus Gürtel und Armband, eine Kette und eine Riechkapsel wurden einst in Beeskow verborgen. Vier Silberlöffel und ein Köcher für Besteck mit den Darstellungen eines Trommlers und eines Flötenspielers gehören ebenfalls in den Schatz.

Stefan Krabath vermutet, dass der Schatz von einem Goldschmied versteckt wurde, der einerseits ältere Stücke in Zahlung nahm und seine neuen Stücke nicht mehr verkaufen konnte, als der Dreißigjährige Krieg um die Mitte der 1620er Jahre nach Brandenburg kam. Für den Ausstellungskatalog »1636 – ihre letzte Schlacht« erarbeitete er mit Sabine Eickhoff zusammen die Artikel rund um die Brandenburger Edelmetallfunde.

Unsere Tagung
von Anja Grothe & Bettina Jungklaus

Seit etwas mehr als anderthalb Jahren haben wir die Tagung geplant, das letzte große Ereignis vor der Eröffnung der Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg im März 2012. Das Thema »Schlachtfeld und Massengrab« sollte in einer interdisziplinären und internationalen Runde von Kollegen und interessierten Zuhörern diskutiert werden. Dem »Call for papers« im letzten Jahr folgte eine Vielzahl von Themenvorschlägen, aus denen wir 35 für Vorträge und weitere 15 für die Präsentation als Poster aussuchten.

Stadtführung durch Brandenburg a. d. Havel (Foto: J. Boehme, BLDAM).

In den letzten Wochen vor der Tagung liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Am Sonntagnachmittag ging es dann los: die ersten Teilnehmer waren angereist und haben sich zu einer Stadtführung durch die historischen Stadtteile von Brandenburg an der Havel getroffen, die im stimmungsvollen Abendlicht am Dom ihren Abschluss fand. Abends vergrößerte sich die Runde zu ersten Gesprächen in einem gemütlichen Restaurant.

Brandenburgs Oberbürgermeisterin Frau Thieman begrüßt die Teilnehmer der Tagung (Foto: Stadt Brandenburg).

Am Montagmorgen begannen nach einer Begrüßung durch die Brandenburger Oberbürgermeisterin Frau Thiemann, dem Referatsleiter für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg Herr Koch und unseres Landesarchäologen Herr Schopper die Fachvorträge. Anschließend an einen einleitenden Vortrag zogen die Referenten mit ihren Beiträgen eine Schneise der Gewalt von der Vorgeschichte bis ins Mittelalter. Danach zeigte der Rundgang durch die Poster den Teilnehmern viele aktuelle Projekte, deren abschließende Ergebnisse teilweise erst in den nächsten Jahren vorliegen werden. Der Abendvortrag widmete sich der Frage: Was gibt es Neues vom Schlachtfeld von Towton (1461) im nördlichen England? Und tatsächlich gab es eine Menge, spannend bis zur letzten Minute von Tim Sutherland und Malin Holst aus York berichtet.

Posterpräsentation im Kreuzgang des Pauliklosters (Foto: A. Grothe, BLDAM).

Der nächste Tag begann mit Beiträgen zu mittelalterlichen Schlachtplätzen in Europa, anschließend wurde der Zeitabschnitt „Dreißigjähriger Krieg“ mit dem Schwerpunkt auf den Resultaten der großen Arbeitsgruppe rund um »1636« diskutiert. Beim Abendempfang der Stadt Brandenburg und der Archäologischen Gesellschaft Berlin und Brandenburg e.V. im Rolandsaal des Altstädtischen Rathauses konnten die vielen Themen in lockerer Atmosphäre vertieft werden.

Mittwoch, der letzte Vortragstag, stand thematisch im Zeichen der Neuzeit und reichte bis hin zu forensischen Untersuchungen an einem mutmaßlichen Gerichtsplatz in den Niederlanden.

Nebel über dem Schlachtfeld hält Brandenburgs Landesarchäologen F. Schopper nicht davon ab, die Ereignisse der Schlacht zu schildern (Foto: B. Jungklaus, BLDAM).

Nach so vielen Vorträgen konnten die Teilnehmer etwas frische Luft gebrauchen! Und da schon so viel über die Schlacht von Wittstock gesprochen worden war, stand am Donnerstag die Exkursion zum Schlachtfeld und dem Ort der Auffindung des Massengrabes sowie ein Besuch des Museums des Dreißigjährigen Krieges in Wittstock auf dem Programm. Bei nebeligem Spätherbstwetter konnte der Blick nicht so weit in die Ferne reichen, wie nötig gewesen wäre, um das ehemalige Schlachtfeld in Gänze zu erfassen. Dennoch war die Fahrt an den Schauplatz der Geschehnisse des Oktobers 1636 ein gelungener Abschluss unserer Tagung.

Somit blicken wir auf spannende Tage zurück, in denen die Fachgespräche und neuen Kontakte sicher nicht an den Türen des Pauliklosters endeten. Wir hoffen natürlich auch, dass so die Teilnehmer Lust auf die Ausstellung nächstes Jahr bekommen haben!

Von der Theorie zur Praxis
von Anne-Kathrin Müller

Im 3D-Modell am Rechner entstehen erste Eindrücke (Foto: BLDAM).

Parallel zum inhaltlichen Feinschliff der Ausstellung laufen die Arbeiten unserer Ausstellungsdesignerin Dipl. Des. Julia Junghänel auf Hochtouren.

Von den ersten Überlegungen, über die Detailkonstruktion einzelner Ausstellungselemente, bis hin zur Abstimmung des Farbkonzepts mit Grafiker Ralf Opitz, konnte das 1636-Team die täglichen Entwicklungen zunächst im Computer verfolgen. Dort ließ die Gestalterin an einem virtuellen Raummodell Inhalt und Exponate zu begehbarer Geschichte verschmelzen.

Dennoch kann keine 3D-Technik den Eindruck vor Ort ersetzen und so muss eine Gestalterin eben auch mal zu analogen Hilfsmitteln greifen, um einen realistischen Raumeindruck zu gewinnen.

So kam auch bei der Detailplanung der großformatigen Illustrationen, die die Schau an verschiedenen Stellen ergänzen werden, eine „handfeste“ Methode zum Einsatz. Hier tüftelten die Illustratorin Anne Bernhardi und Julia Junghänel im Ausstellungsraum mithilfe von Zeltdummies, Leinwänden und digitalen Zeichenbrettern an der richtigen Perspektive.

Julia Junghänel bildet die geplante Vitrinenaufstellung mit Klebeband am Boden des Sonderausstellungsraums nach (Foto: BLDAM).

Zeltdummies und Leinwände dienen als Hilfsmittel zur Simulation der zukünftigen Raumperspektive (Foto: BLDAM).

Die Skizze der “endlosen Zeltreihen“ entsteht auf einem mit dem Beamer verbundenen digitalen Zeichenbrett (Foto: BLDAM).

Doch Theorie ist bekanntlich nicht alles und so verfolgt das gesamte 1636-Team gespannt, wie die ersten »realen« Vitrinen langsam Form annehmen und beim Vitrinenbauer aus der Theorie am Bildschirm zur Praxis im Raum werden.

Unsere Volontärin Ottilie Blum vor einem großen Vitrinenelement, das einer Mauer nachempfunden wurde (Foto: BLDAM).

Von der Pike auf
von Jutta Boehme

Noch farblos, aber mit viel Kontur

Noch farblos, aber mit viel Kontur (Foto © BLDAM)

Gestern ist die »Pikenhaltestation« angekommen. Noch ist sie etwas blass um die Nase, aber dafür nicht konturlos. Ab April 2012 wird sie in der Ausstellung »1636 – ihre letzte Schlacht« demonstrieren, wie ein Pikenier seine Waffe einsetze, schräg nach oben aufgestellt und mit dem Fuß am unteren Ende fixiert, um herantrabende Pferde und ihre Reiter abzuwehren.

Wer einmal eine originale Pike anheben möchte, kann dies am 27. und 28. August 2011 auf der diesjährigen ArchäoTechnica im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg im Paulikloster ausprobieren und sich wundern: Mit ihren mehr als 4,50m Länge ist eine Pike recht schwer, wenn man sie in der richtigen Abwehrposition hält.

Harald Müller, Werner Schulz und Julia Junghänel an der Pikenhaltestation (Foto © BLDAM).

Harald Müller, Werner Schulz und Julia Junghänel an der Pikenhaltestation (Foto © BLDAM).

Die Surveys – auf dem Schlachtfeld unterwegs
von Anja Grothe

»Wie groß ist eigentlich das Wittstocker Schlachtfeld?« Diese Frage beschäftigte uns schon, als wir die Untersuchung des Massengrabes vorbereiteten. Der Antwort nähern konnten wir uns aber erst nach der Grabung. Seit 2009 untersuchen wir – vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum (BLDAM) – zusammen mit der Gruppe der »Ostfalensucher« aus Braunschweig und ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern aus Schleswig-Holstein und Brandenburg das Schlachtfeld mit Metallsuchgeräten. Dabei wurden die Äcker systematisch in einem vorgegebenen Raster nach Metallfunden abgesucht. Dazu muss man aber auch wissen, dass Detektoren in Brandenburg nur mit Genehmigung der Denkmalbehörden und unter Auflagen eingesetzt werden dürfen.

Jedes Fähnchen zeigt den Fundort einer Kugel an (Foto: © BLDAM)

Jedes Fähnchen zeigt den Fundort einer Kugel an (Foto: © BLDAM)

So waren wir mit bis zu 30 Personen im Spätherbst oder Frühjahr auf den Feldern bei Wittstock unterwegs, nur das Wetter hat oftmals nicht mitgespielt!

Abendliche Fundschau mit Diskussion (Foto: © M. Gädke)

Abendliche Fundschau mit Diskussion (Foto: © M. Gädke)

Abends wurden alle Funde in gemütlicher Runde ausführlich diskutiert, spannend für alle Beteiligten, denn während des Tages war jeder auf seine Laufbahnen so konzentriert, dass kaum jemand zu sehen bekam, was die »Nachhut« in kleine Tütchen verpackte, beschriftete und in den Rucksack steckte.

Bleikugel und Scherbe auf dem Acker (Foto: © BLDAM)

Bleikugel und Scherbe auf dem Acker (Foto: © BLDAM)

Inzwischen haben wir etwa 6 km² des Schlachtfeldes untersucht und dabei hunderte von Bleikugeln, Knöpfe, Schnallen und andere Metallfunde von der Bronzezeit bis in das 20. Jahrhundert aufgesammelt und eingemessen.

Neolithisches Flintbeil (Foto: © BLDAM)

Neolithisches Flintbeil (Foto: © BLDAM)

Den aufmerksamen Augen der Beteiligten sind aber auch Funde aus Feuerstein und Keramik nicht entgangen, so dass als »Nebenprodukt« der Metallsuche auch mehrere jungsteinzeitliche Fundplätze und Funde der Bronzezeit und der Römischen Kaiserzeit zutage traten.

Das Einmessen aller Funde mit dem GPS-Gerät oder dem Tachymeter ist dabei von besonderer Wichtigkeit, denn nur so lassen sich später die Informationen zu jedem einzelnen Fund zusammentragen und im Kartenbild auswerten.

Die Messpunkte werden notiert (Foto: © BLDAM)

Diese Kartierungen sind unverzichtbar für die Neubewertung zum Schlachtgeschehen und zur Abgrenzung des Schlachtfeldes. Zusammen mit der Auswertung von historischen Karten, Musterungslisten, Luftbild- und Laserscanauswertung des Geländes. Die Funde werden restauriert und dann katalogisiert: jede Kugel wird vermessen und gewogen, dann den Waffen zugeordnet, aus denen sie einst verschossen wurden. Auch diese Informationen fließen in die Kartierungen ein.

Unser Projekt wird von dem Berliner Dokumentarfilme Thomas Claus begleitet, Ausschnitte aus seinen für das BLDAM produzierten Jahresfilmen von 2009 und 2010 können Sie hier anschauen, die Kartierungen natürlich in unserer Ausstellung ab dem 31.3.2012.

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Schön war’s: das Archäovent 2011 – Familien-Sommerfest
im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg

von Anne-Kathrin Müller

Das Paulikloster in der Morgensonne Brandenburgs

Das Paulikloster in der Morgensonne Brandenburgs (Foto © BLDAM)

Am vergangenen Wochenende war es dann soweit: das Archäologische Landesmuseum im Paulikloster öffnete seine Pforten zum Archäovent, und nicht nur die Pforten in die Ausstellung, sondern auch die auf das Freigelände außerhalb des ehemaligen Klosters.

Auf den Spuren der Archäologen (Foto © BLDAM)

Auf den Spuren der Archäologen (Foto © BLDAM)

Zum Glück ließen die angekündigten Regenschauer lange auf sich warten. So konnten die zahlreichen Besucher des Sommerfestes im Paulikloster am Wochenende des 16. und 17. Juli 2011 ganz ohne nasse Füße in längst vergangene Zeiten eintauchen.

So funktioniert echtes Teamwork (Foto © BLDAM)

So funktioniert echtes Teamwork (Foto © BLDAM)

Neben den authentischen Kostümen und den Kunststücken der Gaukler boten vor allem die vielen Mitmach-Stationen den kleinen und großen Besuchern allerlei Spannendes zu den Handwerken der Steinzeiten und des Mittelalters. Unter professioneller Anleitung stellten Kinder, Jugendliche und Erwachsene Glasperlen her, flochten Körbe, schossen mit Pfeil und Armbrust, knüpften Kettenhemden und mahlten mit dem Reibstein selber Mehl. Ihre mit viel Geschick, Geduld und Muskelkraft hergestellten Waren konnten sie als Erinnerungsstücke mit nach Hause nehmen. An einer nachgestellten Ausgrabungsfläche konnten sie selbst zu Kelle, Schaufel und Pinsel greifen, gleich nebenan ihre geborgenen Funde auch zeichnen.

Unser "1636" - Stand mit den Söldnersilhouetten

Unser "1636" - Stand mit den Söldnersilhouetten (Foto © BLDAM)

Am Stand unseres Ausstellungsprojektes »1636 – ihre letzte Schlacht« testeten vor allem die erwachsenen Besucher ihre Qualitäten als Archäologen. Unter dem Motto »Ein archäologischer Fundplatz wird zum Tatort« identifizierten und interpretierten sie – wie Kriminalisten – die Funde und Befunde des Schlachtfeldes von Wittstock: Welcher der Körper wurde zuerst in das Grab gelegt und welcher zuletzt? Woran ist das zu erkennen? Was bedeuten Knöpfe, Haken und Ösen von Kleidungsstücken in der Nähe des Grabes? Welche Waffen trugen Infanterie und Kavallerie im Dreißigjährigen Krieg? Wer hinterließ Zange, Äxte, Schere und Fingerhut abseits des Schlachtfeldes?

Wer alle Fragen richtig beantwortete, erhielt als Belohnung ein Tütchen mit Musketenkugeln – nicht aus Blei, sondern aus Lakritze oder Schokolade.

Archäovent 2011 – das Sommerfest des Museums
Am Wochenende des 16./17. Julis 2011 wird im Archäologischen Landesmuseum im Paulikloster das Sommerfest gefeiert.

Vom Mehl mahlen über die Glasperlenherstellung, Schnitzen, Töpfern, Korbflechten, Bogenschießen bis hin zur Feuersteinbearbeitung reicht die Palette der Handwerke, die den Besuchern gezeigt werden sollen. Mitmachen wird groß geschrieben, besonders bei einer kleinen Ausgrabung für Kinder und beim Funde zeichnen!

Themenführungen durch das Museum, Lesungen und eine Tombola runden das Angebot ab, und das Museumscafé sorgt für das leibliche Wohl.

Das »1636«-Ausstellungsprojekt ist natürlich auch vertreten: »Ein archäologischer Fundplatz wird zumTatort!« Sie als unsere Besucher sollen erfahren, wie die spannenden wissenschaftlichen Ergebnisse rund um das Massengrab zustande gekommen sind. Sie dürfen mithilfe eines Fragebogens zum Thema selber »ermitteln« und einigen der Wissenschaftler jede Menge Fragen stellen. Musketenkugeln spielen auch eine gewissen Rolle, finden Sie heraus, welche!

Das schöne Plakat gibt’s hier zum Download!

1636 – der Kurzfilm
Ein kurzer Film soll Ihnen zeigen, wo das Projekt begonnen hat und wo wir Sie nächstes Jahr in unserer Ausstellung begrüßen wollen.

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Die Arbeitsrunden – gemeinsam entsteht ein Konzept
von Sabine Eickhoff, Karin Franz, Anja Grothe und Bettina Jungklaus

Im Nachhinein haben wir uns einige Male gefragt, wann genau die Idee von der Sonderausstellung entstand. Wir wissen es nicht mehr. Die Idee entstand allmählich, aber irgendwann war sie da und »die (große) Ausstellung« visualisierte sich vor unseren Augen. Dazu beigetragen haben die vielen Reaktionen auf das außergewöhnliche Grab: die internationale Resonanz auf unsere Pressekonferenz im Sommer 2007, zu Tränen gerührte Schweden an der Ausgrabung, das eigene Erkennen der europaweiten Einzigartigkeit unseres Fundes, die Bereitschaft von Kollegen und Kolleginnen zur Mitarbeit in unserer Forschergruppe und das große Interesse der Zuhörer bei unseren Vorträgen.

Aus den beiden Leiterinnen der Grabung wurden drei Wissenschaftlerinnen im Ausstellungsprojekt. Sie entwickelten aus der Idee ein inhaltliches Konzept. Am Anfang stellten sich die zentralen Fragen: Was soll im Fokus der archäologischen Ausstellung stehen – das Grab, das historische Ereignis oder ein längerer Zeitabschnitt? Was soll der Besucher an Wissen mitnehmen? Was muss in einer Ausstellung über das Thema Krieg zur Sprache kommen? Sollen menschliche Gebeine der Öffentlichkeit in einer Ausstellung präsentiert werden? Kann eine Ausstellung zugleich ein Ort des Gedenkens sein?

Foto © BLDAM

Bereits während dieser frühen Planungsphase kamen die Gestalterin, der Grafiker, die Kollegin für das Projektmanagement und die Frau für die Öffentlichkeitsarbeit zum Team hinzu. Gemeinsam wurden die Ziele der Ausstellung formuliert und die Zielgruppen näher ins Auge gefasst. Das inhaltliche Grobkonzept entstand, verbunden mit ersten Gestaltungsideen. Regelmäßig trafen sich die Projektbeteiligten in verschiedenen Arbeitsgruppen, um den Stand der Arbeiten zu besprechen und Verbesserungen umzusetzen.

Durch regelmäßige Treffen mit dem Museumsleiter und Landesarchäologen Prof. Dr. Franz Schopper und dem Referenten im Landesmuseum Dr. Rainer Kossian wurde das Konzept verfeinert und wichtige Gestaltungsdetails besprochen, der Zeit- und Finanzplan abgestimmt. Im Spätsommer 2010 waren die ersten Planungen und inhaltlichen Vorstellungen abgeschlossen.

Einen beratenden Blick von außen bekam das Projekt Ende 2010 durch dasTreffen mit unserem wissenschaftlichen Beirat. Seine Mitglieder diskutierten mit uns die Inhalte und die Entwürfe zu deren Gestaltung. Es wurde hinterfragt, Ideen verworfen und neue entwickelte. Danach gingen die drei Wissenschaftlerinnen an das Verfassen der Ausstellungstexte und die Gestalter an die Feinabstimmung von Design und Grafik.

Diese Arbeiten sind nun – Mitte 2011 – weitgehend beendet. Jetzt beginnt die spannende Phase der Umsetzung. Tafeln müssen druckreif gestaltet, Medienstationen programmiert, Vitrinen gebaut und Ausstellungselemente produziert werden. Die Idee und das Konzept nehmen Form an.

Die Lange Nacht der Wissenschaften in Potsdam und Berlin 2011
von Jutta Boehme

Kleine und große Detektivinnen ermitteln auf dem Schlachtfeld von Wittstock (Foto © BLDAM)

Am Samstag, dem 28. Mai 2011, hat das 1636-Team bei der »Langen Nacht der Wissenschaften« im Haus des Brandenburgischen Landesinstituts für Rechtsmedizin teilgenommen. Die Rechtsmedizin stellte uns einen Raum zur Verfügung, um dort unter dem Motto »Ein archäologischer Fundplatz wird zum Tatort« die Besucher ein wenig auf unserem Wittstocker Schlachtfeld ermitteln lassen: Was geschah am 4. Oktober 1636? war die zentrale Frage, auf die die Teilnehmer eine Antwort finden sollten. Ein Quiz mit sieben Detailfragen sollte die Leute auf die richtige Spur bringen.

Ich würde mal schätzen, dass 98% der Teilnehmer alles richtig beantwortet haben (nun gut, wir haben auch ein wenig Hilfestellung geleistet). Für jeden richtig beantworteten Fragebogen gab es eine kleine Belohnung: einen Mini-Druckverschlussbeutel wahlweise mit Musketen-Lakritze oder mit Musketen-Schokokugeln.

Ihr mögt fragen: Was hat denn die Archäologie und eine vor 375 Jahren geschlagene Schlacht mit der Rechtsmedizin zu tun? Nun, Frau Hoevenberg, die an diesem Institut Gesichter von unbekannten Leichen rekonstruiert, haucht auch einem »unserer« Toten aus dem Massengrab von Wittstock neues Leben ein. In unserer Ausstellung »1636 – ihre letzte Schlacht« wird uns einer der Soldaten sein wahres Gesicht zeigen.

Die archäologische Auswertung der Ausgrabung
von Anja Grothe

Eine vollständige, wissenschaftliche Auswertung beginnt bereits mit der umfassenden Dokumentation der Ausgrabung, denn hier die Weichen für alle folgenden Arbeitsschritte gestellt. Diese werden anschließend im Büro von uns Archäologen zu einem Ganzen zusammengeführt.

Auch für das Massengrab von Wittstock fand die eigentliche Auswertung bei mir am Schreibtisch in Wünsdorf – dem Sitz des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege – statt. Zunächst haben wir alle Fotos und Beschreibungen, die Bettina Jungklaus und ich während der Ausgrabung angefertigt hatten, gesichtet und jedes einzelne Skelett, jede Bleikugel, jedes Eisenhäkchen oder Bronzeöse am Rechner in eine Computerzeichnung übertragen.

Der Gesamtplan aller Skelette entsteht erst am Computer (Foto: BLDAM).

Dieser Arbeitsschritt war zeitaufwändig, da die Skelette ja sehr eng neben- und übereinander lagen: die Lage jedes einzelnen Knochens über oder unter denen der Nebenmännern musste genau eingezeichnet werden.

Das Ergebnis ist der digitale Gesamtplan mit 88 Skeletten in der Grabgrube und die Rekonstruktion der Gesamtanlage mit 125 Bestatteten. Die bereits auf der Grabung auf den Fotoausdrucken für jedes Skelett verwendete Farbe findet sich hier wieder: so bleibt jedes Individuum auch in der Zusammenschau der vielen Knochen weiterhin gut erkennbar.

Die Farbe dient der Unterscheidung der einzelnen Skelette (Grafik: BLDAM).

Dann schloss sich die Auswertung der Stratigraphie an: wie wurden die Toten in das Grab gelegt? Das Ergebnis ist eindeutig: die Soldaten wurden einzeln nacheinander in die Grube gelegt, Reihe für Reihe, Lage für Lage. Der Platz in der Grube wurde so ausgenutzt, dass möglichst viele Tote bestattet werden konnten: hier hatten Soldaten der siegreichen schwedischen Armee das Grab angelegt, der Platz in der Grube ist mit militärische Präzision genutzt.

Die Auswertung der Funde aus dem Grab konnte erst nach der Restaurierung erfolgen. Die ballistische Untersuchung der Projektile ergab, dass überwiegend Kavalleriemunition an den Skeletten nachweisbar ist, somit zeigt sich, dass hier offensichtlich die Opfer von Reiterattacken im Grabliegen. Diese Reiterattacken beschreiben auch die Feldherren beider Seiten 1636 in ihren Berichten über die Schlacht.

Zwei Pistolenkugeln vor (links) und nach (rechts) der Restaurierung (Fotos: BLDAM).

Die wenigen Haken, Ösen und Knöpfe erlauben zwar Aussagen zur Kleidung, zeigen aber deutlich, dass die Toten geplündert waren und ihnen oftmals nicht einmal das »letzte Hemd« geblieben war.

Ein Radiointerview mit Radio Schweden, während der Grabung 2007 aufgenommen, gab schon damals einen guten Ausblick auf die anstehenden Auswertungen. Inzwischen haben wir fast alle Arbeitsschritte hinter uns gebracht, aber hören Sie doch selber: das Massengrab auf radioseverige, am 6. Juli 2007

Die Archivrecherche in Stockholm – Ein persönlicher Bericht
von Sabine Eickhoff

Nachdem fest stand, dass in dem Massengrab Tote der Schlacht von Wittstock bei­gesetzt worden waren, begannen wir, uns näher mit dem Dreißigjährigen Krieg zu beschäftigen. Diese weniger als 400 Jahre zurückreichende Periode gehört eher selten zum Arbeitsfeld von Archäologen und Anthropologen. So stand uns anfangs nur das – ziemlich verblasste – Schulwissen zur Verfügung.

Archivalien im Stockholmer Reichsarchiv (Foto: BLDAM)

Archivalien im Stockholmer Reichsarchiv (Foto: BLDAM)

In den folgenden Monaten ver­brachten wir viel Zeit in Bibliotheken und am Schreibtisch, um unseren Kenntnisstand aufzufrischen. Mit der Bibliothek des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam und der Staats­bibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin liegen zwei der bedeutendsten Institutionen quasi vor der Haustür des Landesdenkmalamtes.

Musterrollen im Stockholmer Kriegsarchiv (Foto: BLDAM)

Musterrollen im Stockholmer Kriegsarchiv (Foto: BLDAM)

Bereits nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass die Interpretationen der Historiker zur Schlacht stark voneinander abweichen. Jeder Forscher nutzt andere Schriftquellen, die er anders bewertet und deutet. Da die schwedischen Berichte, Karten und Pläne nahe­zu geschlossen in Stockholm archiviert werden, beschlossen wir, eine eigene Analyse vorzunehmen und die Originalquellen dort zu sichten.

Ausschnitt aus der Schlachtdarstellung von Conrad Maesberg (Foto: BLDAM)

Ausschnitt aus der Schlachtdarstellung von Conrad Maesberg (Foto: BLDAM)

Auf die Reise nach Schweden begleitete uns Prof. Dr. Steve Murdoch von der schottischen Universität St. Andrews. Prof. Murdoch unterstützte uns nicht nur beim Über­setzen der – erfreulich wenigen – nicht deutschen Texte, sondern er stellte auch wichtige Kontakte für uns her.

Kartei Kriegsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

Kartei Kriegsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

Im April 2010 konnten wir im Kriegsarchiv in Stockholm die zahlreichen schon bereit liegenden Dokumente sichten: zeit­genössische Flugschriften, mehrere Aufstellungs­ordnungen, die Musterrollen aller im Jahr 1636 geworbenen schwedi­schen Regi­menter mit mehreren hundert Namen junger Söldner, sowie zwei gezeichnete Karten. Insbesondere diese großformatigen, farbigen Darstellungen, deren Detailfülle das Kampf­geschehen vor unseren Augen sichtbar werden ließ, beeindruckten uns sehr. Der Katalog der kleinen, aber feinen Archiv­bibliothek gab manche Information über an der Schlacht teilhabende Offiziere preis.

Dr. Helmut Backhaus, Reichsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

Dr. Helmut Backhaus, Reichsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

An den Folgetagen setzten wir die Recherchen in der siebten unterirdischen Etage des Reichsarchivs fort. Auch hier lagen Schriftgut und Korrespondenz der ent­scheidenden Wochen des Jahres 1636 schon für uns bereit, darunter die handschriftlichen Berichte der beiden in schwedischen Diensten stehenden Feldmarschälle Johan Banér und Alexander Leslie an Königin Christina und die schwe­dische Regierung.

Archivalien zur Schlacht von Wittstock im Reichsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

Archivalien zur Schlacht von Wittstock im Reichsarchiv Stockholm (Foto: BLDAM)

Das liberale schwedische Archivgesetz ermöglichte uns die unkomplizierte Einsichtnahme und sogar das Fotografieren noch unveröffentlichter Quellen. Mit vielen hundert Digitalfotos im Gepäck machten wir uns nach knapp einer Woche wieder auf den Weg nach Hause, um mit der Auswertung der Dokumente zu beginnen.

Die Ausgrabung – Archäologen und Anthropologen Hand in Hand
von Anja Grothe

Mitte Juni 2007 begannen die Ausgrabungen am Wittstocker Massengrab. Von Anfang an stand uns – mir als Archäologin und Bettina Jungklaus als Anthropologin – ein eingearbeitetes Team zur Verfügung, das sich durch viele Ausgrabungen mit der Anatomie menschlicher Skelette gut auskannte. Bevor die ungestörten Bereiche des Grabes untersucht werden konnten, mussten wir die Einzelknochen aus der Baggerstörung bergen. Diese sind inzwischen untersucht: Sie stammen von knapp 40 Skeletten, so dass wir Zahl der ursprünglich Bestatteten auf 125 hochrechnen können.

Alle Einzelknochen und Funde mussten aus dem Sand geborgen werden (Foto: BLDAM).

Die erste Frage, die sich uns stellte, war die nach der Lage der Toten im Grab. Gab es vollständige Skelette oder nur einzelne Knochen, wurden nur Menschen beigesetzt oder lagen auch Pferdeknochen in der Grube? Nachdem wir die sandigen Deckschichten entfernt hatten, war schnell klar, dass ausschließlich menschliche Körper bestattet waren. Auch unsere Befürchtung, abgeschlagene Körperteile zu finden, bestätigte sich nicht. Allerdings lagen die Skelette sehr eng beieinander, so dass das Freilegen nicht einfach war. Meist knieten oder hockten wir, über die Skelette gebeugt, am Rand der Grabgrube und legten mit Plastiklöffel, Pinsel und Staubsauger die Knochen frei.

Die fragilen Skelette werden mit Pinseln und schmalen Plastiklöffeln freigelegt (Foto: BLDAM).

Der Juli 2007 bot mit vielen Starkregen auch einige unschöne Überraschungen. Dank unseres ausgeklügelten Systems aus Textilplanen, Aluminiumstreben und sandgefüllten Eimern schafften wir es jedoch, die Grabungsfläche innerhalb von zwei Minuten wetterfest abzudecken. Unter einem Plastikzelt mit gekürzten Beinen zusammengeduckt konnten wir weiterarbeiten, bis die Sonne wieder schien. Häufig war das nächste pechschwarze Wolkenband schon in der Ferne sichtbar.

Ein Gewitter zieht aus Richtung Fretzdorf auf - wie 1636 die schwedische Armee (Foto: BLDAM).

Wir haben die freigelegten Skelette nicht mehr von Hand gezeichnet, sondern sie fotografiert. Damit später dennoch ein Gesamtplan entstehen konnte, wurden sie zusammen mit Messpunkten senkrecht fotografiert und zusätzlich jede Einzelheit dreidimensional mit einem Tachymeter eingemessen. Der Vermessungstechniker Silvio Scholz druckte die Fotos gleich auf der Grabung aus, so dass wir weitere Details auf den Ausdrucken vermerken konnten. Um die Zuordnung der über- und eng beieinander liegenden Knochen zu einem Skelett zu erleichtern, kolorierte Bettina Jungklaus auf den Fotos jedes Individuum in einer eigenen Farbe.

Die Farbmarkierung der Skelette lässt sofort erkennen, welche Knochen zusammen gehören (Foto: BLDAM).

Darüber hinaus wurden alle Skelette in Grabprotokollen detailliert beschrieben. Um die Reihenfolge, in der die Toten ins Grab gelegt wurden, rekonstruieren zu können, ist die lagegenaue Beschreibung aller Skelette in Bezug zu den unmittelbar benachbarten besonders wichtig. Auch die anthropologischen Beobachtungen wurden erfasst, wie die Maße der Langknochen von jedem Individuum, erste Überlegungen zu ihrem Sterbealter und Geschlecht und auffällige Verletzungsspuren.

Im Anschluss wurden die Knochen geborgen und verpackt, die Fundtüten genau beschriftet. Um die spätere wissenschaftliche Bearbeitung zu erleichtern, werden die Knochen der linken und rechten Körperhälfte in getrennte Tüten verpackt, die Wirbelsäule und der Schädel noch einmal separat. Anschließend wird alles bruchsicher in Kartons verstaut.

Frank Stoll legt Individuum 86 frei, Bettina Jungklaus vervollständigt das Grabprotokoll von Individuum 30 (Foto: BLDAM).

Am Ende der für uns einzigartigen Ausgrabung hatten wir die vollständigen Skelette und Einzelknochen von etwa 125 Menschen geborgen. Der abschließenden Pressekonferenz folgte ein internationales Echo. Viele Wittstocker Bürger nutzten noch die Gelegenheit, uns bei der Arbeit über die Schulter zu gucken. Sogar drei schwedische Lehrer reisten spontan aus Kalmar an, um einen eigenen Blick auf das Grab zu werfen zu können.

Nach der Grabung war Bettina Jungklaus und mir natürlich klar, dass noch eine Menge Arbeit, vor allem aber spannende Ergebnisse der Auswertungen vor uns liegen würden.

Interview mit der Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus zur zeitlichen Einordnung der ersten gefundenen Knochen

Frau Jungklaus sichtet die ersten Wittstocker Knochen (Foto: A. Grothe, BLDAM).

Frage: Frau Dr. Jungklaus, Sie haben als Anthropologin die wissenschaftliche Aufarbeitung und Untersuchung der Söldnerskelette durchgeführt. Wann haben Sie zum ersten Mal mit den Knochen vom Wittstocker Massengrab zu tun bekommen?

Bettina Jungklaus: Vor etwa 4 Jahren, im Frühjahr 2007 habe ich erstmals Knochen vom Scharfenberg begutachtet. Die Fragmente waren von einem Baggerfahrer beim Sandabbau entdeckt worden. Er fand sie auf der Schaufel seines Baggers. Damals war noch gar nicht klar, ob sie in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs gehören. Denn dicht am Fundort, dem Scharfenberg südlich von Wittstock, führten am Ende des 2. Weltkriegs Todesmärsche mit evakuierten Häftlingen der Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen entlang. Es hätten auch Verstorbene aus dieser Zeit sein können. Das galt es gleich am Anfang zu klären.

Frage: Wie unterscheiden sich denn Knochen aus dem 20. Jahrhundert von denen aus dem 17.? Sind nicht alle Knochen gleich?

Bettina Jungklaus: Ja, das stimmt, die Knochen unterscheiden sich grundsätzlich nicht voneinander, abgesehen von individuellen Abweichungen. Die Menschen hatten natürlich vor etwa 400 Jahren das gleiche Skelett wie wir heute. Was sich jedoch gravierend unterschieden hat, waren die Lebensbedingungen der Menschen. Dazu gehören beispielsweise eine gröbere Ernährung und eine schlechtere medizinische Versorgung im 17. Jahrhundert. Das alles hinterlässt am Skelett seine Spuren.

Frage: Was gab letztendlich den entscheidenden Hinweis, dass es Knochen von Söldnern aus dem Dreißigjährigen Krieg sind?

Bettina Jungklaus: Alle Knochenfragmente stammten von Männern mit robustem Knochenbau, was auf eine hohe körperliche Belastung hindeutet. Die Zähne waren teilweise stark abgekaut, was bei der heutigen weichen und verfeinerten Nahrung nicht vorkommt. Es gab auch keine Hinweise auf zahnärztliche Behandlungen, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf jeden Fall nachzuweisen wären. Anzeichen für die Geschlechtskrankheit Syphilis am Schienbeinknochen eines Verstorbenen zeigten zudem, dass keine modernen medizinischen Behandlungen vorgenommen wurden. Insgesamt haben dann alle Merkmale in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs gedeutet.